Vom Loslassen….. oder den zwei Seelen in meiner Brust….

 

In meiner langjährigen Laufbahn als Tierschützerin war das „ Loslassen „ der mir anvertrauten Tiere immer wieder ein Thema, das mich manchmal an mir selber verzweifeln ließ.

Mit der Anzahl der vermittelten Tiere wuchs einerseits das Vertrauen in Menschen, die einem Arche-Tier vom Tag seiner Vermittlung an ein wunderbares, von Liebe zum Tier geprägtes Leben boten, andererseits gab es aber auch die tiefe Enttäuschung , die dann entstand wenn ein Tier – trotz geäußerter Versprechen und angepriesener Lebensbedingungen – dann aber dennoch nicht das Lebensziel erreichte, das ich mir für all die Tiere, die durch meine Hand gehen wünsche, nämlich:

Ein gleichberechtigtes Lebewesen zu sein , geliebt und geachtet , liebevoll in der Familie aufgenommen und auch als ein solches - vollwertiges Familienmitglied - wahrgenommen und behandelt zu werden .

Ganz am Anfang meiner tierschützerischen Laufbahn – das ist nun schon ca. 14 Jahre her - gab es einen Hund namens Felix, den ich nach bestem Wissen und Gewissen an eine Familie vermittelt hatte, die außer drei eigenen Kindern im bereits vernünftigen Alter, ein eigenes Haus mit Garten besaß. Ich brachte den Hund selbst in die Familie und – wie so oft – verstummen nach einer gewissen Zeit die Kontakte und man hört seltener etwas von dem Tier, das man plaziert hat.

Eines nachts hatte ich einen Traum und ich sah unseren Felix vor mir, der mich mit todtraurigen Augen ansah. Einfach so, nicht mehr, er saß da und schaute mich an und ich habe mich sogar zuerst gefreut, dass er mich in meinen Träumen besuchte. Bis mir dann klar wurde, dass er mir etwas sagen wollte, etwas das ich nicht gleich wahrhaben wollte, etwas, das für ihn aber lebenswichtig war. Felix war traurig , und er fühlte sich nicht wohl.

Einige Tage nach meinem Traum fuhr ich unangemeldet zu der Familie und traf dort am frühen Morgen nur die Kinder an, die sich gerade zum Schulgang fertig machten.

Auf meine Frage nach Felix folgte zunächst  verlegenes Schweigen, dann wollte man mir signalisieren, dass die Mutter gerade mit ihm Gassi wäre. Allerdings hatte alleine der Klang meiner Stimme vor der Haustür bewirkt, dass sich Felix zu Wort meldete, lautstark und erleichtert. Es war ein leichtes an den drei Kindern vorbei das Haus zu betreten und: Felix war am Küchentisch angebunden, abgemagert und nur noch ein Schatten seiner selbst. Ich habe ihn damals wortlos mitgenommen und in einer anderen Familie durfte er ein glücklicher Hund sein.

Gerade dieser Tage – und sicher war dieses Erlebnis u.a. auch Auslöser für meine Gedanken, die ich mir gerade mache – gab es eine junge Frau, die einen 7 Monate alten Labradormischling von uns aufgenommen hatte, aber jetzt  - nach 3 Wochen – nicht mehr mit ihm klar kam.

Wie sie mir am Telefon berichtete, würde der Hund rein nur um sie zu ärgern, die Wohnung verschmutzen indem er unsauber sei. Er würde nach einem langen Gassigang dennoch als erstes in die Wohnung urinieren und auch sein großes Geschäft, würde er – mit einem hämischen Blick auf sie – danach in der Wohnung entrichten.

Wenn sich jemand so wenig in die Seele eines Tieres hineinfinden kann und keine anderen Argumente hat wie“ ich habe aber alle Bücher gelesen und der Hundetrainer hat gesagt…….,  ist als Tierhalter ungeeignet und völlig fehl am Platz.

Niemals darf man einem Tier unterstellen, es würde etwas mit Absicht tun. Tiere kennen keine Bösartigkeit – ganz im Gegensatz zum Menschen. Das Verhalten eines Tieres ist der Spiegel seiner Seele.

Nach drei Wochen einem Hund nicht nachzusehen, dass er sich beim Gassigang verspielt und nicht daran denkt, seine Notwendigkeiten zu verrichten, der in einer spanischen Perrera eingesperrt mit Artgenossen,  jeden Tag den Tod riechen und erleben musste, der ja eigentlich noch nie Welpe sein durfte und dies nun etwas später auslebt,  ist unmenschlich.

Diese , meine Sorge, dass die Bewerber um unsere Tiere mehr und mehr „ perfekt funktionierende „ Tiere haben wollen und nicht bereit und – noch schlimmer – auch nicht in der Lage sind, ein für uns völlig normales Verhalten eines Tieres nicht nachvollziehen können, teile ich mit vielen meiner Tierschutzkollegen- und Kolleginnen.

Gott sei Dank gibt es sie auch und Gott sei Dank auch  überwiegend, diese andere Seite, die Vertrauensseite die man Menschen entgegenbringen kann, die auf der gleichen Wellenlänge schwimmen wie man selbst , und die die Verantwortung an dem Tier, die man auf sie überträgt auch annehmen und ausüben, damit leben und somit unser Werk vollenden, das NACH der Rettung eines Tieres kommt.

Ich habe die „ Abschiedstage „ immer gehasst, irgendwie lag die Verantwortung, ein Tier auf seinen Weg zu schicken – von uns weg zu lassen – schwer auf meinen Schultern.

Der Gedanke daran, dass sich der Hund oder die Katze nicht dazu äußern können und  aufgrund meiner Entscheidung  nun ihr Leben verbringen müssen, dort – wo ich sie hingepflanzt habe – haben mich manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht.

Denn auch die normale Kontrolle, die vor und nach der Abgabe eines Tieres stattfindet, schützt nicht vor Tiefschlägen  , die aber letztendlich vom Tier ertragen werden müssen, in welcher Form auch immer.

Deshalb habe ich die Leitung unseres Gnadenhofes übernommen, denn die Tiere die zu uns gelangen verbringen hier ihre Lebens-Restzeit.

Die Abschiedstage die dann kommen machen uns auch betroffen, sind aber Abschiede für immer und die Hände, die unsere Tiere ans andere Ufer tragen sind gute Hände, wissend um die Verletzbarkeit der kleinen Seelen,  werden sie sanft an ein warmes Herz genommen.

Ich musste im Leben nicht nur von vielen Tieren Abschied nehmen.

Das Leben hat mich gelehrt, dass es jederzeit vergänglich sein kann , dass Glück nur eine Leihgabe ist wie eigentlich alles, was das Auge wahrnehmen kann.

Verbindungen von Herz zu Herz, von Seele zu Seele, sind etwas Wertvolles und verbinden Welten und Spähren miteinander, ohne Schaden zu nehmen.

Es ist die Ebene auf der ich mich gerne bewege,  und die mir Kraft gibt, mein Leben zu meistern.

Ich sehe mich sehr viel mehr in der Rolle der Betreuerin der Gnadenbrottiere, als der Vermittlerin.

Deshalb möchte ich mich bedanken bei den Menschen, die diese schwierige Arbeit der Tierschutzarbeit in der letzten Zeit und in Zukunft  gewissenhaft und verantwortungsvoll für mich übernehmen.

Nur eine gute Vermittlungstätigkeit öffnet für andere notleidende Tiere die Tür, die für sie „ Leben „ bedeutet und nur dadurch wird die Arbeit am Fluß gehalten, das Geben und Nehmen das Aufnehmen und Loslassen, als Konzept unserer Aufgabe verwirklicht.

Danke Nadja und Silvia, ich bin froh, dass Ihr diese schwere Bürde angenommen habt und auch mit Euren eigenen und speziellen Vorstellungen  und Verantwortlickeiten ausfüllt.

Auch Ursula und Michael Zimmermann bemühen in Zusammenarbeit mit Lotte den Pflegehunden , die sie von uns aufgenommen haben, zum Glück zu verhelfen.

Gerade haben sie einen kleinen Husky-Buben in Pflege der sich als hartnäckig vermittlungsresistent  erweise. Trotzdem ist Ihnen nichts zu viel, und sie gehen jetzt sogar mit ihm in eine Hundeschule.

Auch ich versuche nach bestem Gewissen, die wenigen , handverlesenen Tiere die sich zur Vermittlung hier bei mir auf dem Gnadenhof befinden,  in gute Hände weiterzugeben.

Deshalb möchte ich mich sehr dafür bedanken, dass unser„ Poppele von Hohenkrähn“ alias Boris oder Pünktchen, gestern in die Schweiz umziehen durfte.

Ich bin sicher, dass er bei diesen lieben Menschen eine wunderschöne Zukunft vor sich hat,  und er sich zu einem selbstbewussten Hund entwickeln darf, dessen Anlagen und Eigenschaften gefördert und nicht durch irgendwelche erziehungstechnische Maßnahmen unterdrückt werden.

Auch unsere Pepi fand ein Heim bei ganz lieben Leuten, die auch nicht den Weg zu uns gescheut haben, um hoffentlich „ ihren Traumhund „ bei uns zu finden.

Ich hoffe inständig, dass wir noch mehr so liebenswerte Menschen kennen lernen, die einem unserer „ Kinder „ ihr Herz schenken und es aufnehmen.

Danke allen, die bereits einen Hund von der Arche haben, und somit einem Tier aus dem Schattendasein  herausgeholfen haben,  und außer der verbindenden Liebe auch zugelassen haben, dass aus einem Streunerhund eine Persönlichkeit wurde, die ihn unverwechselbar und nicht mehr austauschbar macht.

Danke auch denen, die vielleicht in Zukunft eines der Tiere aufnehmen , das vielleicht in diesem Augenblick verlassen und verängstigt – noch ohne eine Zukunft – verzweifelt , verlassen und verloren auf irgendeiner staubigen Straße herumirrt und nicht mehr an Rettung glaubt …..

Vielleicht werden Sie zu seinem Engel ………….