La Horde – Das Rudel


   

Unser Haus heißt La Louviere, das heißt im weitesten Sinne übersetzt, das „ Wolfshaus „.

Auf der Suche nach der Bedeutung dieses Namens sagten uns Einheimische, dass dieses Haus die vom Ort am Weitesten entfernt gelegene Ferme ist, und dass die Wölfe früher  in strengen Wintern, dort zuerst nach Nahrung gesucht haben.

Kurz nach unserem Einzug im Januar 2000, konnten wir selbst erleben, dass es Wölfe in den Vogesen gibt. . Es war der bisher strengste Winter, den wir damals als „ Einstand „ erleben durften. Wir hatten meterhohen Schnee und der Frühling begann erst Ende Mai.

Damals war noch der Wald rings um uns herum, erst nach etlichen Jahren konnten wir das umliegende Gelände kaufen und es in Wiesen umwandeln.

Eines nachts hörte ich ein Heulen, das nicht von meinen eigenen Hunden stammte. Auch die Hunde hatten den Ruf der Wölfe wahrgenommen und begannen Antwort zu geben. So saß ich damals mutterseelenallein in einem heulenden Rudel Haushunde und draußen waren die Wölfe. Selbst meine winzigkleine Sissy Blümchen warf ihr Köpfchen in den Nacken und sang das Lied der wilden Gesellen mit. Zwar halb unter der Bettdecke eingepackt, aber immerhin hat sie  auch verstanden, was die genetischen Urväter der Hunde zu sagen hatten und entsprechend darauf reagiert.

Das Heulen haben meine Hunde anschließend beibehalten. Es war, als ob ihnen jemand ein Lied beigebracht hätte, das von da ab in den Köpfen war. Es wird auch heute noch gesungen , und lustig ist, dass es irgendwann abrupt abbricht. So , als wäre die Strophe zu Ende und damit genug gesungen.

Seit mehreren Jahren hat sich auch ein Luchs angesiedelt, den wir in manchen Nächten rufen hören und – es ist schon ein besonderes Gefühl – in so einer „ Wildnis „ zu leben.

Irgendwie passen wir schon hierher, und das „ Wolfshaus „ wurde nach vielen Jahren des Leerstehens wieder mit Leben erfüllt.

Wir Menschen leben hier mit den Hunden zusammen. Alle Hunde leben direkt bei uns im Haus. Es gibt verschiedene Gründe, warum sie zu uns gefunden haben. Meistens sind es alte, kranke Tiere. Wir haben aber auch einen Anteil von jungen Hunden, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr vermittelbar sind. So gibt es eine gewisse Zahl an „ Angsthunden „, denen das abgeschiedene Leben hoch oben in den Bergen ausgesprochen gut tut.

Da wir wenig Besuch empfangen, werden sie nicht überfordert mit Reizen und der eine oder andere hat sich nach der Zeit des Zusammenlebens hier gegenüber uns soweit geöffnet, dass ein Zusammen leben ohne weiteres gut stattfinden kann.

Viele unserer Mitbewohner sind charakterlich schwierige Hunde, die sich in dem Haushalt eines landläufigen Hundebesitzers nicht integrieren ließen. Oft stehen uns dabei die Haare zu Berge, wie die Menschen, die am Ende IHREN Hund zu uns bringen, zu demselben „ überredet „ worden sind. Oft hatten

die Betroffenen überhaupt keine Hundeerfahrung  zum Zeitpunkt der Anschaffung „ Ihres „ Vierbeiners gehabt und wurden auch nicht über die z.T. rassetypischen Charaktermerkmale aufgeklärt.

So landete schon mal ein Podenco bei einer alten Omi, die sich zwar übermenschlich bemühte, dem Laufbedürfnis ihres Hundes gerecht zu werden, nach einer gewissen Zeit aber kapitulieren musste, da sie dem eigenwilligen Leben eines Podencos einfach nicht gewachsen war.

Auch hatten wir schon viele Probleme mit Herdenschutzhunden, die uns abgeben wurden, da sie

unbedarft an Familien mit Kindern in eine 3-Zimmer-Wohnung vermittelt wurden, und die nach der Reife zum erwachsenen Hund, niemanden mehr in die Wohnung gelassen haben.

 

Auch wir müssen uns immer wieder neu auf den Charakter eines Hundes einstellen und mit ihm zusammen lernen, wie wir am Besten miteinander umgehen können.

Uns kommt zu Gute, dass wir abwarten können, wie sie sich Tier entwickelt und ohne irgendwelchen Druck agieren können.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir den Hunden eigentlich ihre wahre Identität wieder zurückgeben.

Oft kommt ein Hund hier mit den schlechtesten Prognosen an – und stellt sich dann hinterher als friedlicher, sozial gut geprägter Geselle heraus.

Manchmal sind es auch die Schüchternen, die sich nach einer gewissen –Zeit des „ Loslassens „ zu einem umtriebigen, forschen und dominanten Hund entwickeln.

Zu unserer Art, mit Hunden zu leben, gehört das Loslassen, und es gehört Freiheit.

Hunde, die bei uns leben können diese fast uneingeschränkt genießen.

Wir kennen jeden einzelnen Hund sehr genau, wissen mit welchem Artgenossen es Probleme geben könnte, und wo man Grenzen aufzeigen muß. Dazu gehört, dass WIR die Rudelführer sind.

Um die Hunde, mit denen wir in zwei großen Rudeln leben an uns zu binden und ihnen zu lernen, dass sie trotz „ Überzahl „ gehorchen müssen, gehören viele Rituale die uns über den ganzen Tag begleiten.

Fast jeder unserer Mitbewohner hat sein eigenes Ritual, das er zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, einfordert. Wir sind sehr darauf bedacht, dass wir die auch immer erfüllen, denn der Gleichklang zwischen Mensch und Tier kommt sofort ins Stocken, wenn gewisse Dinge nicht eingehalten werden.

Für manche Besucher ist es schwierig nachzuvollziehen, dass wir nicht unsere gesamte Zeit – selbst bei fest ausgemachten Besuchsterminen – ausschließlich ihnen widmen können. Wir müssen unseren Plausch immer wieder unterbrechen, um eben unsere – ich gebe zu oft auch selbst gemachten Rituale – einzuhalten , damit wir weiterhin als verlässliche Partner des Rudels angesehen werden. Das ist uns wichtig, und es macht unseren Lebensinhalt aus.

Unsere Hunde leben alle in unserem Haus, sind aber dennoch intern auf zwei Rudel verteilt. Das eine Rudel sieht Michael als Rudelführer, das andere Rudel mich.

Die Schlafplätze sind ebenso aufgeteilt, ein Teil des Rudels geht mit mir ins Zimmer, das andere mit Michael.

Es gibt auch ein paar Hunde, die die Enge und das „ Kuscheln „ nicht so sehr schätzen. Sie machen es sich während der Nacht unten bequem, wobei es um meinen Bürostuhl, der aus angenehmen weichem Leder besteht, oftmals Kämpfe gibt.

Es gibt auch Hunde, die nachtaktiv sind, und sich lieber die Nacht im vorderen Gelände austoben wollen, was uns auch nichts ausmacht, denn sie können ja nichts dafür, dass sie sind wie sie sind  

Obwohl es im ganzen Haus, einschließlich zweitem Stock überall kuschelige Plätze gibt, auf denen man sich herrlich entspannen könnte, sind alle Hunde, solange Michael und ich uns im ersten Stock befinden, direkt um uns herum. Da kommt es dann schon manchmal dazu, dass wenn ich in meinem Bürostuhl sitze, und so wie gerade eben einen Bericht schreibe, eine geschlossene Bodendecke Hund um mich herum liegt.

Das ändert sich erst dann, wenn ich aufstehe um mich zu entfernen. Dann werden die Nachtplätze gesucht und man wartet, bis meine Tür morgens wieder aufgeht.

Das Highlight des Tages ist für unsere Hunde die morgendliche Fütterung. Wobei es mehrere Varianten der Futterart gibt. Die Augen hängen dann gespannt an jeder meiner Bewegungen, und obwohl sie es kaum erwarten können – warten sie geduldig gespannt auf den Augenblick, an dem jeder seine Schüssel vorgesetzt bekommt.

Zunächst werden die „ zahnlosen „ und die alten Hunde bedient, die besonders bekocht werden müssen. Da dies alle wissen, geht der erste Gang der Fütterung meistens reibungslos vorbei. Es sei denn, es sind gerade Welpen im Rudel, die natürlich sofort ihren Kopf in jede gefüllte Schüssel strecken wollen. Allerdings wird ihnen schnell klargemacht, dass das nicht geht und der eine oder andere musste auch schon ein bisschen mehr einstecken, wenn er es trotz mehrmaliger Verwarnung nicht lassen konnte.

Danach kommt das Hauptrudel, wobei jeder seinen eigenen Napf vor sich hingestellt bekommt. Das morgendliche Futter enthält außer Trockenfutter auch Dose und wenn es das Geld zulässt auch gekochte Hähnchenschenkel, und wird dadurch besonders geliebt. Ich wache darüber, dass jeder an seinem Napf bleibt, was bei einer Menge von Hunden nicht ganz so einfach ist, und ich dabei auch manchmal etwas lauter werden muß.

Die Hunde , die schon länger hier sind, kennen dieses Ritual und auch die Vorgehensweise beim Füttern. Neuankömmlinge müssen lernen. Aber das ist eben auch  „ learning by doing „.

Ist die Fütterung vorbei, geht es zum morgendlichen Spaziergang, wobei ich den Weg über die Wiesen mit dem Rudel immer selbst sehr genieße und mich freue, wie ausgelassen selbst die Alten da unterwegs sind.

  

 

Ich komme mir dann manchmal vor, wie eine Schullehrerin, die immer auf die Hunde achten muß, die vielleicht was anstellen, anstiften oder aufstüpfeln. Solche Kandidaten sind selbstverständlich auch dabei. Und man muß immer etwas wehren, damit die Kleinen nicht umgerannt werden und unter die Räder kommen.

Falls sich irgendwelche Aggressionen hochschaukeln, muß ich die Wogen glätten, denn es wäre fatal, wenn die Hunde sich wegen eines Stockes oder eines anderen Gegenstandes anfangen zu fetzen. Das ist uns zwar noch nie passiert, die Möglichkeit besteht aber immer, dass die Lage eskaliert. Wir haben genug Hunde dabei, die eine niedere Hemmschwelle haben, und die gilt es dann besonders im Auge zu haben.

Der Spaziergang bedeutet für mich also außer Erholung auch hohe Konzentration, damit alles gut läuft und nichts auf die schiefe Bahn gerät.

Wenn Besucher kommen und wir den allseits geliebten „ Rudelspaziergang „ machen, müssen Hunde, die Unruhe stiften zu Hause bleiben, da meine Konzentration dann nicht uneingeschränkt den Tieren zur Verfügung steht.

Die „ Zuhausebleiber „ rächen sich dann manchmal – wie ich dann manchmal nach meiner Rückkehr feststellen muß – mit zerrissenen Decken oder zerkauten Futternäpfen auf ihre Art, da sie nicht verstehen können, dass in diesem Moment und an diesem Tag nicht „ gleiches Recht für Alle „ galt.

Michael ist sowieso den ganzen Tag draußen und er nimmt „ sein Rudel „ den ganzen Tag zu allen möglichen Arbeiten mit, von denen es auf unserem Hof genug gibt.

Als Highlight macht er seinen Spaziergang abends, und die Fütterung „ seines Rudels „ erfolgt morgens nachdem ich mein Rudel abgefertigt habe.

Tagsüber vermischen sich die Rudel des öfteren und jeder kann frei entscheiden, ob er daheim bei der

„ Mama „ bleiben will, oder ob er mit Michael übers Gelände ziehen will.

Falls es mal irgendwelche Leckerlies gibt, die uns liebevolle Menschen für unsere Hunde geschenkt haben, dann müssen auch diese in Zucht und Ordnung entgegengenommen werden.

Werden Welpen bei uns geboren, dann geschieht dies auch im Rudel, an geschützten, nicht einsehbaren Plätzen. Kaum werden die Welpen flügge, mischen sie sich nach und nach unter die restlichen Bewohner und lernen somit kennen, dass es freundliche und unfreundlichere Artgenossen gibt. Das soziale Verhalten der Welpen, die bei uns aufwachsen ist sehr vom Rudelleben geprägt und uns tut es manchmal wirklich leid, wenn die Kleinen in ihrem weiteren Leben als Einzelhund ihr Dasein fristen müssen.

Es ist auch schon vorgekommen, dass wir zwei Hündinnen hatten, die trächtig zu uns kamen und wir machten uns schon Sorgen, ob das denn gut gehen könnte, die Welpen im Rudel großzuziehen. Wir hatten nicht mit den Müttern gerechnet. Sie bildeten eine Patch-Work-Family und halfen sich gegenseitig bei der Aufzucht. Sowohl mit dem Säugen, als auch mit der Erziehung. Wir waren wirklich sprachlos.

Was wir hier erleben geht schon in die Richtung, dass Hunde noch immer den Hang zum Rudelleben haben – ganz wie es der Ur-Wolf auch liebt – und sie sind glücklich, Artgenossen um sich herum zu haben.

Es gibt ganz wenige Aussnahmen.

Wir haben einmal eine Hündin gehabt, die wir nach 10 Jahren zurücknehmen mussten, weil die Ehe ihrer Besitzer gescheitert war. Sie war zeitlebens also nur Einzelhund und war entsetzt, als wir sie in ein so großes Rudel integrierten.

Es hat genau drei Monate gedauert, da war sie auch wieder ein Wolf. Sie taute auf, spielte und war vergnügt Sie war auch knodderig und dominant, aber sie hat ihr Interesse für das Rudel wieder gefunden und bis zum Schluß gut hier gelebt – den notwendigen Respekt der anderen Rudeltiere hatte sie sich verschafft.

Wenn es Abend wird, dann müssen wir eigentlich nur noch vor dem zu Bett gehen danach schauen, dass jeder Hund seinen Lieblingsplatz hat. Manchmal mobben sich die Hunde untereinander, akzeptieren aber unsere Entscheidung, wenn ein Hund weichen muß, um dem anderen zu seinem Schlafplatz zu verhelfen.

Mir war gerade danach, mal etwas über unseren Tagesablauf zu erzählen. Und ich wollte Ihnen nahe bringen, dass es ein Fulltime-Job ist, den wir hier erfüllen.

Wir machen dies, weil viele dieser Tiere keine Chance hätten, irgendwo anders noch einmal unterzukommen.

Dafür sind wir da und wollen auch in Zukunft da sein. Falls sich unsere finanzielle Situation nicht bald bessert, müssen wir uns aber ernsthaft Gedanken machen, Hunde abzugeben. Ich hoffe nicht, dass es soweit kommt. Ich wüsste nicht, wie ich mit der Belastung umgehen könnte, die ein Wechsel unserer „ Alteingessenen „ für ihn und uns bedeuten würde.

Heutzutage möchten die Menschen, die sich einen Hund anschaffen wollen, ein möglichst perfektes Tier, ein solches besitzen wir nicht.

Es mag sein, dass unsere Hunde eben gerade durch das Rudelleben geprägt und nicht mehr in einen normalen Haushalt vermittelbar sind.

Aber – ist dies nicht gerade das, was auch Tierschutz ausmacht ?

Wir haben ihnen ihre Persönlichkeit wiedergegeben --- und die passt nicht in die konventionelle Welt eines „ normalen „ Hundebesitzers

Wir haben ihnen die Natur gegeben – und das Leben ohne Natur würde sie zu einem kranken Stadthund machen.

Wir haben ihnen Freiheit gegeben – WAS kann dieses Gefühl noch übertreffen ?

Frei geboren , wie die Wölfe der Region – zu uns gefunden, auf verschiedenen Wegen -

– Kanten abgeschliffen – soweit sie sich schleifen ließen – Rituale, die nur wir kennen…

Liebe, die uns wortlos verbindet….