Tierpersönlichkeiten
 

Über unsere Arbeit mit charakterlich schwierigen Hunden

Wer mich und meine Arbeit kennt, der weiß dass mir viel daran gelegen ist, den bei uns lebenden Hunden zu erlauben, ihre eigene Persönlichkeit auszuleben.

Dazu gehört, dass diese Persönlichkeit, die in jedem Tier steckt, sich herausschält und wieder gefunden wird.

Wie auch bei menschlichen Charakteren, gibt es auch in der Tierwelt die gleichen Facetten an Charaktereigenschaften die angeboren und somit nicht veränderbar sind.

Gerade bei Zucht-Hunden sind ein Teil der angeboren Anlagen oftmals rassebedingt, also durch viele Generationen bewusst herangezüchtete bestimmte Eigenschaften. Dennoch nicht zu unterschätzen sind die Anlagen, die durch die Elterntiere vererbt werden, die sich manchmal nicht unerheblich von dem Rahmen der bewusst gezüchteten Charaktervorlagen unterscheiden, und denen bei extremer Abweichung zum gewünschten Endresultat schlimmstenfalls der Zuchtausschluss droht.

Die Abweichung vom „ Gewollten „ ist erfreulicherweise ein deutliches Zeichen dafür, dass das tierische Individuum sich nicht der völligen menschlichen Kontrolle unterwirft und sich manchmal verselbstständigt.

Da wir es im Tierschutz nur sehr selten mit reinrassigen Tieren zu tun haben, müssen wir bei der Erforschung der Charaktere unser Hauptaugenmerk auf die uns dargebotene Persönlichkeit lenken, die oft von verschiedensten Rasseprägungen und für uns unbekannte erworbene Verhaltensmuster  gekennzeichnet ist.

Oft liegt die eigentliche Persönlichkeit der Tiere unter einem Berg  angesammelter Erfahrungen begraben, aus deren negativer oder positiver Beeinflussung, sich bestimmte Verhaltensweisen begründen.

Wie auch beim Mensch, können Persönlichkeitsmerkmale durch äußere Einwirkung – Erziehung, Prägung, Traumen – verschüttet werden und eine Änderung der Persönlichkeitsstruktur nach sich ziehen, die dem einzelnen Individuum schadet, da sich das Persönlichkeitsbild  nach außen anders präsentiert, als es die eigentliche Identität tun würde.

Die Folge davon sind die gleichen psychischen Auffälligkeiten, die wir von der menschlichen Psyche her kennen. Vom Minderwertigkeitskomplex bis zu schweren Neurosen mit Zwangshandlungen, bis zur Selbstüberschätzung oder Formen tierischen Authismus, finden wir in der Psyche der Tiere wieder.

Unser Ziel ist es, dem charakterlich schwierigen oder auffälligen  Tier durch Hilfestellung im Alltag, u.a. durch speziell auf es ausgearbeitete Rituale und Übungen, eine Hilfestellung zur Selbstwerdung zu bieten.

Dazu gehört unabkömmlich das Leben im Rudel, das von uns soweit wie möglich nicht beeinflusst wird, um die Vielfalt der Persönlichkeiten zur Lernerfahrung des Einzelnen zu nutzen.

Dabei gibt es Unterschiede der Lernerfolge bei schwierigen Charakteren.

Bei einigen Hunden stellte sich heraus, dass sie ihre Persönlichkeiten überwiegend durch Lernerfahrungen im Rudel weiterentwickeln, andere brauchen die Hilfestellung eher durch den Menschen.

Wieder andere brauchen eine Mischung aus Rudelerfahrungen und menschlicher Bestärkung, da sie gemachte Erfahrungen im Rudel nicht uneingeschränkt übernehmen können und dazu die „ Absegnung „ des Menschen als Rudelführer benötigen.

Die Rolle des menschlichen Rudelführers spielt in allen Bereichen des Rudellebens eine große Rolle. Obwohl das Rudel unter sich bis zu einem gewissen Grad eigendynamisch agiert, muß das Bewusstsein um  die Präsenz der „ oberen Instanz „ unmissverständlich vorhanden sein.

Tiere sind sehr gute Psychologen und machen sich – genau wie Menschen – gewisse Schwächen und Stärken der verschiedenen Rudelmitglieder zu Nutzen.

Das Rudel setzt sich aus verschiedenen Persönlichkeiten zusammen, die ich so kategorisieren möchte:

Der Rudelführer:

Er steht direkt unter der menschlichen Rudelführung. Er erwartet Respekt und Anerkennung seiner Führungsrolle von den anderen Mitgliedern und ist bereit, diese Attribute auch zur Not mit aggressivem Führungsstil einzufordern.

Dem menschlichen Rudelführer gegenüber verhält er sich loyal, falls notwendig unterwürfig, ohne seinen Stolz zu verlieren.

Neuankömmlinge werden zunächst dem Rudelführer alleine – aber in Rudelnähe - vorgestellt. Bei dieser ersten Begegnung entscheidet sich, wie groß die Nähe oder die Distanz sein wird, in der der neue Hund agieren muß, um von dem Rudelführer unbehelligt zu bleiben.

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass es in all den nachfolgend genannten Gruppen sogenannte „ Anführer „ gibt,  die aber nicht den Anspruch des Rudelführers in Frage stellen.

Die Aufwiegler:

Unter ihnen befinden sich Charaktere , die z.T. aus Selbstdarstellungsgründen versuchen die Aufmerksamkeit des Rudels auf sich zu ziehen. Sie stehen ständig unter Strom und lauern auf gewisse Situationen die ein Bellverhalten erklären könnten. Sie wollen erreichen, dass das Rudel mitmacht, um so auf diese Weise ihre Stellung zu erhöhen, indem sie durch ihr Verhalten suggerieren, sie hätten einen Angriff erkannt und abgewehrt.

Gerne schließen sich Neuankömmlinge, die noch einen Rest Selbstvertrauen besitzen, zunächst einmal dieser Gruppe an. Sie können in dieser Gruppe – die normalerweise vor Konsequenzen ihres Verhaltens verschont bleibt – unbehelligt ihren aufgestauten Frust abbauen , in dem sie ihn zumeist grundlos  herusschreien können.  Die vermeintliche Wichtigkeit der Aufpasserfunktion stärkt ihre Selbsteinschätzung enorm. Dass sie nur ein kleines Licht im Rudel sind stört sie dabei nicht, bald werden sie diese Stufe meistens hinter sich lassen.

Dem Menschen gegenüber verhalten sie sich unterwürfig aber uneinsichtig. Beseitigt man eine Gelegenheit, die zum Bellen veranlasst, wird sofort eine neue Ersatz-Möglichkeit ausgeklügelt und genutzt.

Die Mobber:

Einigen Hunden gelingt es nicht gleich, sich einen gefestigten Platz im Rudel zu erobern, da sie von der Rudelführung nicht ernst genommen werden.

Sie versuchen ihr Image aufzupolieren, in dem sie einen oder mehrere Hunde versuchen zu dominieren , um sich selbst das Gefühl zu verschaffen, nicht das letzte Glied zu sein. Sie brauchen für ihr mangelndes Selbstbewusstsein, das Grund für die Nichtbeachtung vonseiten des Rudelführers ist, die Dominanz über andere Mitglieder, um sich einen Lebensradius zu schaffen, der sie  ihr eigenes kleines Rudelführerbewusstsein ausleben läßt.

Neuankömmlinge, die sich durch ihre bisherige Lebensweise unterdrückt sahen, entwickeln sich oft sehr schnell zu Mobbern. Sie tun dies , um endlich einmal selbst derjenige zu sein, der  - vielleicht zum ersten Mal – das Gefühl hat, jemandem überlegen zu sein. Mit zunehmender Stärkung des Selbstbewusstseins verändern sie sich oft in eine angenehmere Richtung, als ob sie festgestellt hätten, dass sie es nicht nötig haben, sich über andere zu stellen.

Dem Menschen gegenüber verhalten sich Mobber loyal , unterwürfig und oft mit schlechtem Gewissen, da sie ahnen dass die Art und Weise der Mobbingattacken evtl. Gegenmaßnahmen erzeugen könnten.

Die Gemobbten:

Bei ihnen handelt es sich meist um Junghunde, die sich noch nicht selbst gefunden haben und die manchmal sogar das Gefühl übermitteln, Spaß an der Opferrolle zu haben. Ebenfalls fallen unter diese Kategorie Neuankömmlinge, die sich zunächst unsicher im Rudel bewegen, was oft aber nur eine gewisse Zeit anhält..

In dieser Kategorie müssen wir am meisten regulierend eingreifen, um einem Hund den Rücken zu stärken, damit er nicht in dieser Rolle verharren muß

Die „ Gemobbten „ verhalten sich dem menschlichen Führer gegenüber z.T. unterwürfig , zum Teil selbstbewusster als gegenüber den Rudelhunden.

.Durch die geleistete Hilfestellung  versuchen diese Hunde danach oft erste Dominanzversuche am Menschen umzusetzen, offenbar glauben sie, der Mensch sei – da er nicht als Rudelgefüge auftritt – besser überwindbar.

Nach und nach werden die meisten Hunde sicherer und lernen, sich zu wehren bzw. unterdrücken ihrerseits geeignete Rudelmitglieder.

Oft werden so aus Gemobbten dann die Mobber , um dann wieder nach einiger Zeit die Stufe der „ Gelassenen „ zu erreichen

Die Gelassenen:

Unter diesem Begriff ordne ich die Hunde ein, die ihre Persönlichkeit gefunden und entwickelt haben, und die lange genug im Rudel leben, um gegenüber allen Zickereinen  erhaben zu sein.

Es sind die Hunde, die hilfreich für jeden Neuankömmling sind, da sie sich in keinem Stellungskampf befinden und somit Ruhe und Gelassenheit ausströmen.

Sie verlangen eine gewisse Distanz der anderen Rudelmitglieder, wenden sich aber – je nach Sympathie – gerne einem Hund zu der unsicher ist,  und eine Leitfigur braucht.

Aus der Reihe der „ Gelassenen „ wird – falls der Rudelführer ausfällt,  eine neue Führung gestellt.. Diese wird aber fast unbemerkt übernommen und muß nicht erkämpft werden. Offenbar gibt es unter den „ Gelassenen „ bereits eine Hierarchie, die die Nachfolge bestimmt.

Reiht sich ein Neuankömmling unter der Kategorie der Gelassenen ein, kann das verschiedene Ursachen haben.

Zum einen kann es sein, dass er sich zunächst aus Unsicherheit eine Mauer baut, und zu den Unscheinbaren zählen will, damit er sich nicht konfrontieren muß. Dies kann eine gewisse Zeit andauern, bis die Neugier siegt und er sich nach und nach aus dem Bannkreis seiner Ängste verabschiedet und beginnt, Kontakte zu knüpfen.

Ein anderer Grund kann sein, dass der Hund einen in sich ruhenden Charakter hat, der es nicht notwendig macht, verschiedene Stufen des Rudellebens zu durchlaufen.

Falls dies der Fall ist, wird er sich meistens auf dieser Ebene etablieren.

Die Mitläufer:

Dies sind Hunde allen Alters, die keinerlei Anspruch auf eine Führungsrolle in sich tragen und meistens den „ Kasper „ im Rudel spielen. Fröhlich und  ausgelassen genießen sie das Zusammenleben, frei von allen unterschwelligen Bedürfnissen, sich profilieren zu wollen.

Sie sind Weltmeister im Beschwichtigen, falls sie doch einmal zu sehr über die Stränge geschlagen haben und nehmen einen Rüffel auch nicht lange ernst.

Diese Frohnaturen nehmen jedes neue Mitglied mit Begeisterung in ihrer Mitte auf und bringen so manchen Neuankömmling dazu, Altlasten zu vergessen und sich dem hinzugeben, was am meisten Freude macht:  Fressen, Spielen, Toben ohne Zwang.

Der erste Schritt zur Findung der Persönlichkeit geht für einen Neuankömmling meistens über diese erste Stufe – die Sorglosigkeit , ein Leben ohne Verantwortung und  nur das Hier und Jetzt genießen – ist Balsam auf jede Hundeseele die eine Pause braucht , um sich wieder selbst zu finden.

Dem Menschen gegenüber verhalten sich die Mitläufer zwar loyal, vermitteln aber den Eindruck, dass sie ihre Ausfüllung im Rudel gefunden haben und den Menschen nicht unbedingt zu ihrem Glück brauchen.

Für einen solchen Hund wäre es ein Rückschritt, wenn er das Rudel verlassen müsste, da seine Bedürfnisse im Rudel vollkommen abgedeckt sind.

Diese Einschätzung bezieht sich folgerichtig auf die Hunde, die zuvor auf der Straße im Verband gelebt haben, und nun plötzlich ein Leben als Einzelhund fristen müssen.

Der Umschwung von der Gemeinschaft in die Isolation kann schwere Traumen verursachen und Verhaltenssörungen nach sich ziehen.

Dazu gehören Symptome wie : Nicht alleine bleiben, Zerstörungswut, Unsauberkeit, Unsicherheit und Ängstlichkeit mit der Folge des Angstbeissens.

Welpen:

Welpen, die als unbeschriebene Blätter in das Rudel hineingeboren werden, konzentrieren sich in den ersten Lebensmonaten nur auf die mütterliche Führung, gepaart mit den Erfahrungen die im Rudel gemacht werden.

Selbstverständlich werden sie von Anfang an von uns Menschen betreut, damit sie  auch diese Seite des Zusammenlebens kennen lernen.

Es gibt große Unterschiede des Zeitpunkts, wann der kleine Hund über die Richtung entscheidet, welche Seite der Betreuung er vorwiegend wählt.

Welpen, die sehr schnell mehr den Anschluß zum Menschen suchen, haben beste Voraussetzungen sich auf einem geeigneten Familienplatz schnell zurecht zu finden und sich zu entwickeln.

Andere brauchen länger die Prägung des Rudels um selbstbewusst und charakterlich gefestigt zu werden.

In speziellen Fällen gab es Hunde, die bis zu einem Jahr brauchten bis sie signalisierten, dass sie nun bereit sind sich einem Menschen anzuschließen. In vielen dieser Fälle handelte es sich um Welpen scheuer Mütter, die den Kleinen wohl ihre Sicht der Dinge mit auf den Weg gegeben hatten.

Einen solchen Hund aus dem Rudel vor seiner Zeit herauszureissen, wäre verantwortungslos und weder Hund noch Mensch hätten einen guten Start ins gemeinsame Leben.

Hat ein Hund durch verschiedene Lernprozesse im Rudel  und der menschlichen Begleitung, zu seiner Persönlichkeit gefunden, kann man davon ausgehen, dass er zu dem geworden ist was ihn ausmacht: Ein unverfälschtes Individuum mit Stärken und Schwächen – glücklich und mit freiem Geist. Angenommen so wie er ist, von Mensch und Tier.

Ein erneuter Wechsel seiner Lebensbedingungen könnte irreparable Schäden verursachen und würde ihn in seiner Charakterfestigkeit  weit zurückwerfen.

Unsere Hund haben diesen Weg beschritten. Noch sind nicht alle angekommen – die Zeit wird die Richtung bestimmen – ich wünsche mir, dass wir die Zeit dafür haben.